Elite – Diskurs

  •  Abgeschrieben im Ossietzky

     

    Carsten Schmitt

    Gefangen im Elite-Diskurs

     

    Ist die grundgesetzlich festgeschriebene Begrenzung des Bundeswehrauftrags auf Landesverteidigung in Anbetracht einer angeblich diffus gewordenen globalen Bedrohungslage endgültig obsolet geworden? Brauchen wir, im Anschluß an Gerhard Schröders Forderung nach einer »Enttabuisierung des Militärischen«, künftig eine vermehrte Ausweitung deutscher Militäreinsätze in alle Welt? Die Antwort vieler Spitzenjournalisten hierzulande fällt eindeutig aus: Ja! In den Worten Michael Stürmers, Chefkorrespondent der Welt: »Sicherheit entsteht … aus vorgreifend kraftvollem Krisenmanagement, wozu … die Fähigkeit gehört, ins militärische Fach zu greifen.« Zu neuem Machtbewußtsein beim entgrenzten Kriegführen rät der Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung, Stefan Kornelius: Wir brauchen »ein viel entspannteres Verhältnis zur Macht und deren Anwendung«. Und Josef Joffe, Mitherausgeber der Zeit, möchte die Gewehre deutscher Soldaten in Afghanistan regierungsoffiziell entsichert sehen: »Die Deutschen dürfen nur schießen, wenn sie beschossen werden … Eine Regierung, ein Parlament die ihren Soldaten Mandat und Mittel zur effektiven Selbstverteidigung verweigern, handeln unverantwortlich.« Sein Artikel ist mit »Ein bißchen Krieg« überschrieben. Joffe wünscht sich viel mehr als dieses »Bißchen«.

    Wie ist die Einmütigkeit deutscher Top-Berichterstatter bei außen- und sicherpolitischen Fragen im Zusammenhang mit einem propagierten »erweiterten Sicherheitsbegriff« zu erklären? Immerhin lehnt eine große Mehrheit der Bevölkerung Kriegseinsätze der Bundeswehr seit langem und weiterhin rundweg ab. Welche Einflüsse, welche Rücksichtnahmen spielen bei der Meinungsbildung und Berichterstattung von Journalisten eine Rolle? Und: Wie bestimmt sich ihr Verhältnis zu machtvollen Organisationen aus Politik und Wirtschaft?

    In umfangreichen Netzwerkanalysen, die jüngst unter dem Buchtitel »Meinungsmacht« erschienen sind, hat Uwe Krüger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, den vielfältigen Verbindungen deutscher »Alpha-Journalisten« mit gesellschaftlichen Elitezirkeln nachgeforscht. Im Interview faßt Krüger seine Ergebnisse so zusammen: »Die Daten deuten darauf hin, daß sich Journalisten vielerorts in vertraulichen Runden mit den Mächtigen treffen. Und das steht in einem klaren Gegensatz zu der demokratietheoretisch begründeten Erwartung, Journalisten sollten Distanz zu den Mächtigen halten, um sie kritisieren und kontrollieren zu können.« (Telepolis, 11.3.2013) Die Liste der Organisationen, informellen Zirkel und Veranstaltungen, bei denen Journalisten – nicht selten in der Rolle initiierender, gestaltender Akteure – beteiligt sind, ist lang. Das Weltwirtschaftsforum in Davos, die Münchner Sicherheitskonferenz, die Trilaterale Kommission oder die Bilderberg-Meetings sind nur die prominentesten Beispiele für »Eliten-haltige Organisationen« (Krüger).

    Da es einer kohärenten Theoriebildung zum Verhältnis von Politik und Medien hierzulande ermangele, hat Krüger zur Fundierung seiner Untersuchungen im wesentlichen auf zwei US-amerikanische Ansätze zurückgegriffen. Die »Indexing-Hypothese« von W. Lance Bennett besagt, daß die Leitmedien sich im Falle von Meinungsverschiedenheiten am politischen Establishment orientieren. »Besteht über ein Thema Konsens in der politischen Elite, … unterstützen die Medien in der Regel die Regierungslinie kritiklos oder schweigend.« Der »Index« wirkt hier wie eine ungeschriebene Norm mit Übertretungsverbot. Nach dem sogenannten Propagandamodell von Edward Herman und Noam Chomsky dienen die großen Medien nicht der Kontrolle der Eliten im Sinne der Bevölkerung, sondern betreiben Propaganda für die Sichtweisen der Ersteren. Die Interessen von »Pressure Groups« bestimmen die Berichterstattung: Der Medieneigentümer, die Werbekunden und Rezipienten oder der privilegierte Zugang zu Quellen wirken wie Filter im Dienste der jeweils ausgegebenen Ideologie. Den Theorien gemeinsam ist, daß sie – empirisch zu überprüfende – Vorhersagen über das Medienverhalten von Journalisten zu treffen versprechen: Die veröffentliche Meinung verbleibt innerhalb der Bandbreite des Elitediskurses und marginalisiert davon abweichende Meinungen.

    Ausgehend von diesen Modellen hat Krüger den Fokus seiner analytisch-empirischen Arbeit auf die »Ego-Netzwerke« von vier leitenden Journalisten gelegt: Stefan Kornelius (SZ), Klaus-Dieter Frankenberger (FAZ), Josef Joffe (Die Zeit) und Michael Stürmer (Die Welt). Der Vernetzungsgrad mit Elite-Zirkeln und Think Tanks ist bei diesen Journalisten besonders hoch. Insgesamt hat Krüger 164 Verbindungen recherchiert, die potentiell mit der Berufsrolle als »neutralem Beobachter« kollidieren. Krüger kommt zu dem Ergebnis, daß alle vier Journalisten an der Münchner Sicherheitskonferenz teilgenommen, die Demonstranten und die Organisatoren der Münchner Friedenskonferenz in ihren Artikeln hingegen unterschlagen oder delegitimiert hätten.

    Der Bewertung Michael Hallers, der das Herausgebervorwort zu »Meinungsmacht« geschrieben hat, ist zuzustimmen: Krügers »Netzwerkanalyse hat für die akteurszentrierte Journalismusforschung in Deutschland Pilotcharakter. Und seine Vorschläge zur Sicherung redaktioneller Unabhängigkeit … sollten von den Meinungsmachern ernst genommen werden.« Einer der Vorschläge lautet: Keine Funktionen mehr für Journalisten in Beiräten, Kuratorien und in vertraulichen Politikplanungskörperschaften! – Ob der Autor da wohl Gehör findet?

    Uwe Krüger: »Meinungsmacht. Der Einfluß von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse. Herbert von Halem Verlag, 378 Seite, 29,50 €

     

    Aus OSSIETZKY 18. Mai 2013

     

    Auch die taz fügt sich in diese Journalistennorm ein. Dazu nur ein Beispiel von vielen:

     

    In der taz kritisiert Dominic Johnson das »Zaudern« des Westens bei der Aufrüstung der Aufständischen in Syrien:

    Es ist besser, aus den falschen Gründen das Richtige zu tun als aus den richtigen Gründen das Falsche. Bisher bestand die Syrien-Politik der USA und anderer westlicher Großmächte darin, sich aus dem Bürgerkrieg herauszuhalten, in der legitimen Hoffnung, dadurch einen regionalen Flächenbrand zu vermeiden und einen von innen organisierten Machtübergang in Damaskus zu erleichtern.

    Diese Strategie ist offenkundig gescheitert: der regionale Flächenbrand ist längst da und hat dank des straflosen Eingreifens der libanesischen Hisbollah eine Dimension erreicht, die dem Assad-Regime jetzt die Oberhand zu geben scheint. So bereiten Großbritannien, Frankreich und nun auch die USA sich auf militärische Unterstützung der Rebellen vor – und als klarste Begründung dienen die Berichte über Einsätze chemischer Kampfstoffe durch Assads Truppen. (…)

    Die einzige richtige Reaktion ist ein Eingreifen von der Art, das Regime möglichst schnell kampfunfähig zu machen. Dazu aber sind die USA, Frankreich und Großbritannien anscheinend nicht bereit. (…)

    Wenn die Aufrüstung der Rebellen etwas bringen soll, muß sie kriegsentscheidend sein. 2003 im Irak wurde den Kriegstreibern Bush und Blair von der Linken vorgeworfen: Ihr sprecht von Massenvernichtungswaffen, aber eigentlich geht es euch um Regimewechsel. Richtig: nur per Regimewechsel wäre die Gefahr von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen zu bannen gewesen, so sie denn existiert hätten. 2013 in Syrien Buy Levitra Online No Prescription muß den Zauderern Obama, Cameron und Hollande klar sein: Nur ein Regimewechsel in Damaskus ist eine angemessene Antwort auf die Frage, die der Einsatz chemischer Kampfstoffe stellt. Alles andere verlängert den Krieg und das Leid.

     

    Quelle:

     

    20.06.2013 / Abgeschrieben / Seite 8

     

Über Sir John

Jahrgang 1972, Politischer Werdegeng: Seit dem Jahr 1998 Beschäftigung mit Globalisierung, Neoliberalismus und Geopolitik - 2006 Versuch des Aufbaus einer Regionalwährung. Seit 2007 aktiv in der 9/11 Truth Bewegung. Seit 2008 Mitglied im IPPNW (Ärzte gegen den Atomkrieg) und in der Partei "Die Linke"
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