Ein Text von Günter Rexilius

Europäischer Wahnsinn
Günter Rexilius
Giovanni Jervis hat vor fünfzig Jahren Wahnsinn – er hat, fachlich genauer, über
Schizophrenie geredet – aus der Verbindung von fehlender Autonomie, und Mystifizierung
des Bewusstseins abgeleitet. Heute scheinen Wahrnehmung und Denken selbst
derjenigen, die sich dem politisch korrekten Zeitgeist nicht ergeben, in einem wahnhaften
Modus zu verharren, der Methode hat: Er frisst sich in den Lauf der Ereignisse
wie ein Krebsgeschwür, als Strategie der systematischen Ablenkung vom alltäglichen
Grauen:
- Merkel schwärmt von einem Europa ohne Grenzen und verlangt nach außen Stacheldrahtzäune,
terrestrisch militärische und polizeiliche Gewalt und Kriegsschiffe auf
dem Wasser zur Grenzsicherung;
- den Grünen fällt nur mehr übliches wahlkampfdumpfes Getöse ein, das 25 Jahre
CDU-Regierung in Sachsen für Bautzen und Clausnitz verantwortlich macht, ohne den
Hauch eines selbstkritischen Gedankens;
- parteiübergreifend wird eine europäische Lösung für das sog. Flüchtlingsproblem
gefordert, als könnte die auch nur einen einzigen Menschen hindern, nach Europa
aufzubrechen, wenn Verzweiflung, Angst und Hunger ihn treiben;
- Griechenland, seit Jahren ausgepresst wie eine Zitrone, wird geradezu zynisch von
den EU-Staaten ohne Außengrenzen gemaßregelt, weil es mit Rettung und Versorgung
täglich Tausender Flüchtlinge überfordert ist;
- PolitikerInnen und, als Verstärker wirkend, ihnen hörige Medien, malen verlogene
Szenarien von Flüchtlingslagern an der türkisch-syrischen Grenze, die wie kleine Paradise
den dort eingepferchten Menschen Schulen, medizinischeVersorgung und
Wohlfühlatmosphäre bieten sollen;
- im Windschatten der europäischen Anbiederung kümmert die Türkei sich – den Genozid
an den Armeniern in guter Erinnerung – verstärkt um die Ausrottung des kurdischen
Volkes;
- Nordafrika wird pauschal zur sicheren Herkunftsregion erklärt, obwohl staatliche
Gewalt und ökonomisches Elend existenzbedrohend für die meisten dort lebenden
Menschen sind;
- die so gefährliche wie tragikomische Pointe dieses Schreckensszenarios verkörpert
ein junger Schnösel ohne Sinn und Verstand, der sich Österreichischer Außenminister
nennen darf und für den Gestus des verächtlichen Wegschnippens verstörter und flehender
Menschen keine Watschn, sondern Beifall erhält;
- schließlich fährt Herr Tusk als Repräsentant Europas in die Türkei und verkündet,
fast Angesicht zu Angesicht zu den frierenden, hungernden, teilweise lelbensfährlich
erkrankten Menschen hinter dem Stacheldrahtzaun die ganze Wahrheit der europäischen
Verachtung für sie: Bleibt zu Hause, Leute, wenn nur Hunger, Durst und
Elend euch zu uns treiben, denn wir wollen unseren Luxus, unseren Wohlstand nicht
teilen, sondern ihn weiter vermehren
Alles zusammen: der Bankrott christlicher, humanistischer, menschenrechtlicher
Grundsätze, die europäische PolitikerInnen gerne demonstrativ wie Priester die Monstranz
vor sich hertragen. Sie mystifizieren, mit allen Mitteln der agitatorischen Raffinesse,
meißeln desinformativ in Köpfe und Seelen,
- dass wir aktuell erleben, als epochale Erfahrung, wie ein ganzer Kontinent sich zu
Lande und zu Wasser gettoisiert, mit Zäunen, Waffen, Kriegsschiffen nicht gefährliche
Aggressoren, sondern wehrlose, schutzlose, um Hilfe bittende Menschen abwehrt,
- dass seit zwei Jahrzehnten die politischen MachthaberInnen Europas in barbarischer
Weise den bewusst und gezielt herbeigeführten, mit Hunderten von Millionen Euro
finanziell unterfütterten Tod von Zehntausenden Menschen strategisch kalkulieren;
- dass global agierende europäische Konzerne, die sich seit Jahrzehnten auf einem
weltweiten Raubzug befinden, immer unerbittlicher ganze Landschaften ausplündern,
durch Landgrabbing große Teile der fruchtbaren und profitablen Ländereien aneignen,
die Meere industriell leerfischen, die Lebensgrundlagen von Hunderten von Millionen
Menschen zerstören,;
- dass Stacheldrahtzäune, schwerbewaffnete Uniformierte und Fregatten Menschen
von Europa fernhalten sollen, die jene Konzerne, mit Billigung und Unterstützung
europäischer PolitikerInnen, von dem Boden, der sie ernährt hat, vertrieben haben;
- dass die zu Hungerlöhnen oder ganz ohne Bezahlung bis in die letzte Lebensfaser
ausgesaugten, gesundheitlich ruinierten und verelendeten Opfer der globalen Ausbeutung
sich eher durch Wüsten, über Gebirge und durch Meere quälen, als zu bleiben,
wo sie kein Leben mehr haben;
- dass neoliberale Entfesselung von Kapital und Finanzjongleuren Natur zu Lande, zu
Wasser und in der Luft unwiederbringlich vernichtet, ganze Landstriche unbewohnbar
macht und die dort lebenden Menschen zum Exodus zwingt, die dann als sog. Wirtschaftsflüchtlingen
ohne Anspruch auf Hilfe verhöhnt werden;
- dass die von Europa unterstützten oder wohlwollend akzeptierten Gewaltexzesse,
militärisch strukturiert oder freischärlerisch ziellos, die zur Flucht zwingen, die am
Stacheldraht verbluten, zwischen Lesbos und türkischer Küste oder zwischen Casablanca
und Lampedusa ersaufen oder, wenn sie unerhörtes Glück hatten, die europäische
Grenze erreichen;
- dass die BefürworterInnen deutscher Waffenexporte mitverantwortlich sind, wenn
Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil das sinn- und wahllose Vernichten
von Menschenleben – mit deutschen Gewehren und Panzern – ihnen nur die
Wahl lässt, täglich auf den Tod zu warten oder ausgerechnet in den Ländern der Waffenschmiede
Schutz zu suchen.
- dass Europa, das seine Raub- und Mordzüge im 15. Jahrhundert in Mittel- und Südamerika
begann und als kolonialistisches Wüten auf dem afrikanischen Kontinent im
19. und 20. Jahrhundert fortsetzte, als janusköpfiges Monster, das sein Diebesgut gegen
die Bestohlenen mit Zähnen und Klauen verteidigt und als gnadenlos lächerliche
Fratze bis an die Zähne bewaffnet auf ohnmächtige Menschen losgeht, die Geschichtsbücher
beschmutzen wird.
Wer, trotz seines wohltemperierten Daseins, aus der Geschichte nicht nur der letzten
Jahrzehnte, sondern der letzten Jahrhunderte zu lernen bereit ist, der kann zwei Erkenntnisse
gewinnen:
1. Es genügt nicht, AfD, Pegida und rechtsradikalen Verbrechern entgegen zu treten.
Den inneren Frieden, den demokratischen und humanistischen Konsens, auf den sich
die Eltern des Grundgesetzes und des vereinten Europa dereinst verständigt hatten,
gefährden vor allem jene, die Zäune bauen, Soldaten auf Flüchtlinge hetzen und mit
Tyrannen – nicht nur Erdogan – paktieren, um hilfeschreiende Menschen zu vertreiben
oder abzuwehren. Diese PolitikerInnen rücken in die geistige und praktischpolitische
Nähe derer, die „wir sind das Volk“ rufen, aber meinen, „die Fremden haben
hier nichts zu suchen“. Es ist eine gefährliche Nähe, was alle politisch nicht vor
sich Hindämmernden endlich begreifen sollten: Faschismus geht im Volk, das meint
„wir“ zu sein, auf, aber gesät wird er von denen, die gezielt und bewusst eine Politik
betreiben, deren Botschaft durch alle beschönigenden und verschleiernden Worte hindurch
lautet: Wir wollen die Fremden nicht, sprich: Wir, nicht sie, sind Menschen,
die Wohlstand, Zufriedenheit, Angstfreiheit, Frieden, Zukunft verdient haben. Diese
Politik ist rassistisch und, gepaart mit ihrer gesetzlich bzw. politisch legitimierten
Gewalttätigkeit, in ihrem Kern faschistoid.
2. Veränderung muss von denen kommen, die keine noch so geschickt formulierte
Silbe Buy Lasix verdummen kann, die autonomes Denken und Handeln nicht verlernt haben,
denen die mystifizierenden Strategien keinen Schleier vor Auge und Gedanken legen
können. Dieser schizophrenen Falle entkommen wir nur, wenn wir unsere politische
und gedankliche Souveränität behaupten und uns der eigenen Handlungsmöglichkeiten
bewusst werden. Noch ein Appell, noch ein analytisch fundierter Text, noch eine Demo,
egal ob für die Kurden, gegen TTIP oder mit Flüchtlingen, bewirkt ehrfahrungsgemäß
keine Veränderung. Wir alle sind Kriegsgewinnler der ökonomischen und militärischen
Feldzüge Europas gegen den Rest der Welt, auch wenn wir kritisch denken
oder empört fühlen. Erst Protest, wie Ulrike Meinhof ihn dereinst verstand, bringt die
Verhältnisse, deren destruktive Substanz und unbelehrbare Präpotenz uns alle bedrohen,
ins Wanken. Gewalt spielt denen in die Karten, die ihr unbegrenztes Gewaltpotenzial
zu nutzen verstehen. Demokratie nicht weiter zertrümmern, sondern sie nutzen
– vielleicht kann nur so eine Lösung aussehen. Widerstehen heißt, die delegitimieren,
die längst illegitim handeln. Wirksames Eingreifen sollte nicht radikal-gewalttätig,
sondern radikal-demokratisch sein. Es macht keinen Sinn, Spielregeln einzuhalten,
wenn andere Legalität mit Willkür übersetzen. Eine widerständige Bewegung muss
illegal, basisdemokratisch und entlarvend sein. Nur wenn sie die Grenzen sprengt, die
ausschließlich der Sicherung von Pfründen und Macht dienen, kann sie phantastisch
und utopisch, vor allem aber konsequent humanistisch, gerecht und friedlich sein.